Geschichte der Bibliothek
Aufgabe von Bibliotheken ist die Sammlung, Aufbewahrung und bei Bedarf Zugänglichmachung von Schriftträgern. Diese wechselten mit dem Lauf der Geschichte von Tontafeln und Papyrusrollen zu Pergamentkodizes, schließlich mit Beginn der Neuzeit zu Büchern aus Papier bis hin zu den heute aktuellen CD-ROMs.
Die Geschichte der Bibliotheken ist nicht von der der Schrift zu trennen. Seit Leibniz und Schopenhauer werden sie als "das Gedächtnis der "Menschheit" angesehen.
ANTIKE
MesopotamienUm 3500 v. Chr. setzte mit Beginn der frühen Hochkulturen in Ägypten, dem Zweistromland oder China die Ausbildung linearer Schriften ein. Das hatte erstmals in der Geschichte die Schaffung von Aufbewahrungsorten von Schriftträgern zur Folge, kam man doch ab nun in vielen Bereichen des nun sehr differenzierten Lebens (v. a. in wirtschaftlichen oder religiös-kultischen Belangen) ohne schriftliche Aufzeichnungen nicht mehr aus.Aus ursprünglich privaten Archiven geschäftlicher und familiärer Schriftdokumente entwickelte sich ab dem 2. Jahrtausend langsam das, was man als Bibliotheken im eigentlichen Sinn bezeichnet.Die erste Bibliothek im Vollsinn des Wortes liegt uns damit in der des assyrischen Herrschers Assurpanipal (668-627 v. Chr.), bestehend aus schätzungsweise 5000 - 10 000 in Keilschrift beschriebenen Tontafeln, vor.ÄgyptenIn der ägyptischen Hochkultur finden wir schon allein auf Grund der Einführung eines neuen Beschreibstoffes, des Papyrus, aber auch wegen der etwas anderen Funktion von Schrift einen etwas anderen Typus von Bibliotheken. Hatte sich in Mesopotamien eine Stadtkultur entwickelt, in der Schrift das Kennzeichen der Staatsbürokratie und einer Händlerschicht war, blieb in der ägyptischen Reichskultur die Schrift zunächst allein dem Pharao und seiner unmittelbaren Umgebung vorbehalten. Das bedeutete, dass Schriftkenntnis gleichzusetzen mit Herrschaft (in Staats- und Tempelverwaltung) war. Tatsächlich blieb die Schreib- und Lesefähigkeit bis zum Neuen Reich auf maximal 7% der Bevölkerung beschränkt, wobei es sogar unter den Schriftkundigen eine Hierarchie gab, deren obere Ebene von den Beherrschern der Hieroglyphenschrift eingenommen wurde, während die Mehrzahl der Schreiber sich zunächst der hieratischen, später der demotischen Kursivschrift bediente.In Ägypten gab es für "Bibliothek" zwei Worte. Einerseits "Bücherhaus" (bzw. "Gottesbücherhaus"), womit die unmittelbar zu einem Tempel gehörige "Bibliothek" bezeichnet wurde. Der Inhalt der dort aufbewahrten Schriftdokumente betraf alles, was mit dem dort ausgeübten Kult zusammen hing. Mit dem Begriff "Lebenshaus" dagegen bezeichnete man die einem Tempel angegliederte Institution, in der wissenschaftliche und religiöse Werke verfasst, kopiert und aufbewahrt wurden. Daneben befanden sich hier auch medizinische, astronomische, wahrscheinlich auch literarische Werke.
Hellenismus
Von den Nachweisen für Bibliotheken für die Spätzeit der antiken ägyptischen Geschichte, die Ptolemäer - und Römerzeit sind v. a. eine Bibliothek in Sais und das Lebens- und Bücherhaus in Edfu zu nennen.
Die berühmteste Bibliothek des Altertums ist aber sicherlich die des Museions von Alexandria. Das Museion wurde unter dem Diadochen Ptolemäus I, dem ersten Herrscher in Ägypten nach dem Tod Alexanders des Großen begründet und war berühmt für seine philologischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Forschungen. Die Aufgabe der Bibliothek des Museions war es, die gesamte überlieferte griechische Literatur zu sammeln sowie Übersetzungen der Literatur aller Völker ins Griechische herzustellen. Die Zahl der dort aufbewahrten Buchrollen ist umstritten. Die Zahlenangaben reichen von 40 000 bis 700 000. Aus der Bibliothek des Museions in Alexandria ist uns der erste große Bibliothekskatalog bekannt, entstanden unter dem hellenistischen Dichter und Grammatiker Kallimachos.
Neben Alexandria gab es zur Zeit des Hellenismus natürlich auch in den anderen Diadochenreichen wichtige Bibliotheken, wobei v. a. die von Pergamon (der Residenz des Attalidenreiches) sowie die von Ephesus zu nennen sind.
Griechenland
Von diesem Typus einer imperialen Bibliothek (Assurpanipals und des alexandrinischen Museionheben) sich die ursprünglichen griechischen Bibliotheken ab, die Privatbibliotheken wohlhabender Griechen oder von Philosophenschulen waren. Schrift hatte im antiken Griechenland, anders als in Mesopotamien oder Ägypten nichts mit Herrschaft, Kult oder wirtschaftlicher Organisation zu tun und war somit auch nicht allein einer sehr begrenzten Schicht vorbehalten.
Rom
In Rom waren die ersten Bibliotheken im Prinzip die in Griechenland eroberte Beute siegreicher römischer Feldherrn. Die bedeutendste derartige Kriegsbeute ist die Bibliothek des Aristoteles, die 86 v. Chr. nach der Einnahme Athens durch Sulla nach Rom gebracht wurde. Interessant ist dabei die Tatsache, dass die Römer ausschließlich griechische Literatur als Beute nahmen. Die Römer suchten sich die griechische Kultur anzueignen. Griechisch wurde zum Inbegriff der Bildung und Kultur und so gehörte es bald zum Prestige eines wohlhabenden Römers, nach griechischem Vorbild eine eigene private Bibliothek zu besitzen. Allerdings blieben die literarischen Interessen in Rom zunächst auf eine kleine Oberschicht beschränkt.
Die erste öffentliche Bibliothek in Rom stammt von Gaius Asinius Pollio. Er richtete zw. 39 und 28 v. Chr. im Atrium Libertatis eine Bibliothek ein. Diese Bibliothek stellt in der Geschichte der römischen öffentlichen Bibliotheken einen Einzelfall dar, insofern, als sie die einzige Gründung durch einen Privatmann war. Alle folgenden Bibliotheken sind kaiserliche Gründungen, beginnend mit der des Augustus im Jahre 28 v. Chr. Von Tiberius, Vespasian, Trajan und Hadrian sind weitere Bibliotheksgründungen bezeugt, die nun alle wieder in der Tradition der oben behandelten imperialen Bibliotheken standen und somit Ausdruck staatlicher Macht waren, allerdings mit einer Einschränkung. Die Schrift als solches hatte sich inzwischen von der staatlichen Macht emanzipiert, war also nicht mehr alleiniges Mittel der staatlichen, wirtschaftlichen und kultischen Macht, sondern gehörte zu dem Bereich, der im Allgemeinen als "Kultur" bezeichnet wird.
Sind für das Rom Kaiser Konstantins (285 - 337 n. Chr.) noch 28 öffentliche Bibliotheken nachgewiesen, verloren mit der Durchsetzung und Ausbreitung des Christentums die heidnischen Bibliotheken dann allmählich ihre Bedeutung.
VON DER ANTIKE ZUM MITTELALTER
Die Bedeutung des Christentums für das Bibliothekswesen
Die Forschung ist sich heute weitgehend darüber einig, dass die Zeit des Überganges von der Antike zum Mittelalter keinesfalls als totaler Kulturbruch anzusehen ist, der zu einem vollkommenen "geistigen Vakuum" geführt habe, aus dem erst die Reformtätigkeit Karls des Großen wieder herausgeführt habe. Vielmehr wird heute die Kontinuität der Tradierung des antiken Wissens, wenn auch zugegebener Maßen in eingeschränkter Form, betont.
Unbestritten ist die Tatsache, dass es in dieser Zeit einen deutlichen Rückgang des Bildungsangebotes gab und damit auch bibliotheksgeschichtliche Veränderungen in Richtung einer Einengung des Kanons und einer Diminuierung der Bibliotheksbestände Hand in Hand gingen. Dafür werden folgende Faktoren verantwortlich gemacht.
Anders als bei den Griechen und Römern, deren Bildungsziel es war, den Bürger auf die Gestaltung des Gemeinwesens (polis; res publica) vorzubereiten, propagierte das christliche Bildungsideal die Vorbereitung auf das Leben nach dem Tod, womit ein Rückzug in die Innerlichkeit verbunden war. Dies führte zu einem Rückzug der Bildung in die Klöster und zu einer Konzentration auf einen engen christlichen Kanon, womit wiederum eine deutliche Unterscheidung zwischen heidnischer = profaner) und christlicher Literatur verbunden war. Von großer Bedeutung war dabei auch die Präferenz des Christentums für den Pergamentkodex. Von der profanen Literatur wurde nur das in Kodexform umgeschrieben, was den Christen umschreibenswert erschienen ist. Der andere Teil war so zum Großteil dem Vergessen preisgegeben.
Nicht zuletzt ist in diesem Zusammenhang auch auf den Umstand hinzuweisen, dass sich das im Mittelalter auf den kirchlichen Bereich beschränkte Lernen auf ein Auswendiglernen und Zitieren aus einem eingeschränkten zumeist christlichen Schriftenkanon reduzierte.
In den nunmehr von den Germanen besiedelten Gebieten nördlich der Alpen jedoch wurde die Kirche für Jahrhunderte der einzige Garant für die Vermittlung von Lese- und Schreibfertigkeit.
Früh- und Hochmittelalter
Zentrale Impulse für das Bibliothekswesen gingen dabei von den Klöstern aus.
Hierbei kam dem Benediktinerorden sicherlich eine fundamentale Rolle zu. Schrieb doch die berühmte Ordensregel Benedikts von Nursia den Mönchen eine tägliche "lectio" von dreieinhalb Stunden vor. Das gleichzeitige Verbot des Besitzes eigener Bücher führte in den Benediktinerklöstern zur Einrichtung von Bibliotheken, die die Einhaltung der Regel gewährleisten sollten.
Bei einer weiteren Betrachtung der mittelalterlich-klösterlichen Schriftkultur und des damit verbundenen Bibliothekswesens spannt sich der Bogen von der ersten bekannten frühmittelalterlichen Bibliothek im Kloster Vivarium, einer im Jahr 555 durch den ehemaligen Minister Theoderichs des Großen und späteren Mönch Cassiodor erfolgten Gründung über Spanien, das besonders durch das Wirken des Bischofs Isidor von Sevilla für die Bibliotheksentwicklung von Bedeutung wurde bis hin zu den zahlreichen Klostergründungen im Merowinger- und Frankenreich, die eine Folge der intensiven irischen und angelsächsischen Mission waren.
Vom Wirken eines Columban und seines Schülers Gallus im ausgehenden 6. und beginnenden 7. Jahrhundert, um von den irischen Missionaren nur die bedeutendsten zu nennen, zeugen Klostergründungen wie etwa die Abtei Bobbio und das Kloster St.Gallen. In der Tradition Columbans wurden in der Folge über 300 Klöster gegründet, darunter Luxeuil und Corbie. Die angelsächsische Mission ist auf das Engste mit dem Namen Bonifatius verbunden, auf den u. a. die Gründung des bedeutendsten Kulturzentrums der Karolingerzeit - Fulda (744) zurückgeht.
Einen unbestrittenen Höhepunkt erreichte die Entwicklung mit der Herrschaft Karls des Großen und dessen Reformtätigkeit. Dabei haben Schrift und Lektüre in dieser Zeit eine ebenso wichtige weltliche wie geistliche Bedeutung. So schließt Karl mit seinen Reformen von der Zielsetzung her an die Bemühungen der Merowinger an. In der Absicht, im Sinne einer Theokratie aus der Pfalz Aachen zugleich ein neues Rom, neues Athen und neues Jerusalem zu machen, in dem Macht, Wissenschaft und Religion (Rom/ Athen/ Jerusalem) eine Synthese eingehen sollten, zog Karl von überall her die berühmtesten Gelehrten seiner Zeit an seinen Hof. Aachen wurde so zu einem echten Bildungszentrum des Reiches. Dass dabei der Hofbibliothek eine bedeutende Rolle zukam, versteht sich von selbst, wobei ihre Bedeutung eine zweifache war. Einerseits fungierte sie als Ort gelehrter, v. a. theologischer Studien, andererseits als Ausdruck des imperialen Machtanspruchs Karls des Großen. Wurde doch hier die maßgebliche religiöse und profane Literatur der Zeit nicht nur gesammelt, sondern auch im Skriptorium der Hofbibliothek abgeschrieben, um die so vom Hof sanktionierten Texte dann an die Klosterbibliotheken des Reiches weiterzuleiten, wo sich dieser Prozess nun seinerseits fortsetzte.
Unumstrittenes Zentrum des Buchwesens war also das Kloster und das in jeder Hinsicht. Lag doch die Buchproduktion zur Gänze in den Händen der klösterlichen Skriptorien und diese kam natürlich auch in erster Linie den Klöstern zu Gute. Von der Quantität her mit den antiken Bibliotheken kaum zu vergleichen, zeugten aber die mittelalterlichen Klosterbibliotheken doch von erheblichem Wohlstand. Man muss sich dazu nur die großartige Form der Pergamentkodizes mit Goldschrift und juwelenbesetzten Einbänden vor Augen halten. In dieser prächtigen Ausstattung waren die Kodices schließlich vor allem Träger einer religiösen Bedeutung. Das Herstellen solcher Kodices war im wahrsten Sinne des Wortes Gottesdienst. Das Amt des "armarius" oder "librarius" - vergleichbar etwa einem Bibliotheksvorsteher - war äußerst angesehen, rangierte unter den wichtigsten Klosterämtern nach dem Abt bzw. Probst. Was die Unterbringung der Buchbestände in den mittelalterlichen Klöstern betrifft, so haben wir es zunächst vornehmlich mit Schrankbibliotheken zu tun, in denen die Codices liegend aufbewahrt wurden und die sich in den Kreuzgängen befanden. Manchmal wurden die Bücher auch in Nischen in den Wänden untergebracht.
VOM HOCH- ZUM SPÄTMITTELALTER
Die Zeit vom 9. bis zum 13.Jahrhundert ist geprägt einerseits politisch vom Zerfall des Karolingerreiches, zahlreichen äußeren Bedrohungen und Zerstörungen durch Völker wie Normannen und Ungarn, schließlich der Erneuerung des Reiches durch die Ottonen, andererseits kirchlich von bedenklichen Entwicklungen, die letztendlich zum Investiturstreit führten und sich auch auf die Klosterkultur nur negativ auswirken konnten. Der Tendenz der zunehmenden Verweltlichung des Mönchtums wirkten schließlich die kirchlichen Reformbestrebungen entgegen, in deren Gefolge es zu zahlreichen neuen Ordensgründungen (Kartäuser, Zisterzienser, Franziskaner, Dominikaner) und vielen neuen Klostergründungen kam.
Diese Entwicklung konnte nicht ohne Auswirkungen auf das Bibliothekswesen bleiben. Zwar blieb es noch weiterhin kirchlich dominiert, allerdings in veränderter Form. Ein ganz wesentlicher Aspekt liegt nun darin, dass durch die Vielzahl der Klosterneugründungen die Schriftkultur nun auch in bisher wenig alphabetisierte Gebiete eindrang und es gleichzeitig zu einer Dezentralisierung der Bildung kam. Damit Hand in Hand ging eine deutliche Emanzipierung des Bildungswesens von der weltlichen Macht, dem Kaiserhof. An der Dezentralisierung der Bildung hatten auch die Domschulen Anteil, die nun als weitere Bildungsinstitution neben die Klöster traten. Die Domschulen wurden an Bischofssitzen zur Ausbildung der Kleriker eingerichtet und verfügten somit natürlich auch über Bibliotheken.
Der Rückgang der Bedeutung der Klöster als dominierende Bildungsträger
Mit dem Aufblühen der Städte im Spätmittelalter kommt es im mitteleuropäischen Raum auch in zunehmendem Masse zu Universitätsgründungen. Damit verbunden ist für Kirche und Klöster die Einbuße seiner Bedeutung als alleiniger Bildungsträger, zumal mit Verordnung des Papstes im Jahre 1130 der Rückzug der Kirche aus den weltlichen Studien (Medizin, Rechtsstudien) begonnen hatte, die nun den Universitäten oblag. Die Bestände der universitären Bibliotheken muten sehr bescheiden an. Eine zentrale Universitätsbibliothek gab es nicht, vielmehr waren die einzelnen Fakultäten darum bemüht, sich den für die Vermittlung ihrer Lehre notwendigen Bücherkanon zu beschaffen. Die benötigte Literatur wurde im deutschen Raum überwiegend von den Studenten nach dem Diktat der Magister selber "erschrieben". Daneben beschäftigten die Universitäten vereinzelt auch hauptberufliche Laienschreiber.
Nun setzte sich auch der Typus der Pultbibliothek immer mehr durch. Das wurde begünstigt durch die nunmehr neuen Aufgaben der Bibliotheken, galt es doch nun, verstärkt für die Vermehrung, Bereitstellung und auch Sicherung des zum Lehrmaterial gewordenen Buches zu sorgen. Die Sicherung der Bücher geschah durch Anketten an das Pult ("Libri catenati")
Abgesehen von der Konzentration des Bildungsbetriebes in den Universitäten drang die Schrift nun auch in völlig neue - städtische - Lebensbereiche wie Handel, Wirtschaft, öffentliche Verwaltung ein, in denen es einen qualitativen wie quantitativen Sprung in der Entwicklung der Schriftkenntnis gab, womit auch die immer stärker werdende Tendenz zum selber schreiben und selber lesen verbunden war. Dies wiederum führte auch vermehrt zu privaten Büchersammlungen, die allerdings in ihren Anfängen sehr bescheiden waren.
HUMANISMUS UND RENAISSANCE
Der Beginn der Neuzeit brachte für das Bibliothekswesen Bahn brechende Impulse. Das lässt sich im Wesentlichen auf drei Faktoren zurückführen. Zum einen auf den von Italien ausgehenden Humanismus mit seiner Wiederentdeckung der griechisch-römischen Antike.
Weiters auf die Durchsetzung des Papiers als neuer, wesentlich billigerer Schriftträger und schließlich auf die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg, womit erstmals die Möglichkeit gegeben war, absolut identische Drucke von Texten in "großen" Auflagen zu verbreiten.
Für die Bibliotheken bedeutete das ein sprunghaftes Anwachsen der Bestände, die Tatsache, dass die Pergamentkodices immer mehr durch papierene Bücher abgelöst wurden und vor allem aber wesentliche strukturelle Veränderungen. Die Auflösung der bisher weitgültigen Verbindung von Bibliothek und Skriptorium führte zur Trennung von Sammlung und Produktion von Büchern. Ab nun setzte sich die Unterscheidung zwischen Bibliothek als Sammlung aller gedruckten Bücher und dem Archiv, in dem alles Handschriftliche gesammelt wurde, durch. Dazu kam, dass durch den Einfluss der Humanisten das Vorbild des Museions als Modell einer öffentlich zugänglichen wissenschaftlichen Bibliothek ohne kirchliche Einengung wieder lebendig wurde. In enger Verbindung mit Humanismus und Renaissance stehen die großen Fürstenhöfe, die für das Bibliothekswesen insofern von großer Bedeutung wurden, als sie sich als wichtige Sammelstätten von Büchern etablierten Die Fürstenbibliothek wird in dieser Zeit zum wichtigsten Bibliothekstyp.
Die rapide Zunahme der Bestände führte bald zu zwei Bahn brechenden Neuerungen im Bibliothekswesen, nämlich dem Katalog und der Signatur.
Hatten im Mittelalter die Inventare der Klosterbibliotheken den Ansprüchen im Wesentlichen genügt, konnte damit nun nicht mehr das Auslangen gefunden werden. Zunächst half man sich mit der Anlegung von systematischen oder alphabetischen Indizes zu den Inventaren, bis man im 14. Jh. zum Anlege von Katalogen überging. Um aber auch den notwendigen eindeutigen Hinweis auf den Standort der Bücher zu gewährleisten, wurde im 14. Jh. noch sporadisch, im 15. Jh. aber überall die Signatur eingeführt. Diese entwickelte sich zunächst aus dem Aufkommen des Autorennamens. In der Renaissance, die den Gedanken der Individualität hoch hielt wurden die Bücher in zunehmendem Masse über den Autorennamen identifiziert. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Tendenz zu Erstellung eines Titelblattes mit Angabe des Autors, des Titels, des Verlegers, des Druckortes und des Erscheinungsjahres. Durch die Angabe des Autorennamens trugen nun alle Bücher eine Signatur im Sinne einer Unterschrift und konnten in alphabetischer Reihenfolge in den Katalogen Aufnahme finden. Zur alphabetischen Signatur des Buches kam dann als weiterer Schritt - allerdings in einem lang andauernden Prozess - die bibliothekarische Signatur in Form eines alphanumerischen Codes zur eindeutigen Lokalisierung des Werkes.
REFORMATION
Ein weiterer wesentlicher Entwicklungsschritt im Bibliothekswesen vollzieht sich mit dem Auftreten und Wirken Luthers und der Reformation. Dabei kam dem neuen Mittel des Buchdrucks eine wesentliche Rolle zu. Die bisher nicht gekannte Reichweite der Verbreitung von Schriften war für Luther zur Durchsetzung seiner Lehre von eminenter Bedeutung und das war wiederum der Ausgangspunkt für umwälzende Veränderungen auf allen Linien, betrafen sie doch neben der Religion auch die politische und soziale Struktur des deutschen Reiches.
Luthers Bedeutung für das Bibliothekswesen begründet sich in erste Linie in seiner Ablehnung der klösterlichen Lebensweise. Dadurch wurden in jenen Gebieten, in denen sich der Protestantismus durchsetzte viele Klöster aufgelöst. Dadurch kam es im Bibliothekswesen zu einer einschneidenden Umstrukturierung, die in weiterer Folge zu einem neuen Bibliothekstyp führte, nämlich dem der Gemeinde- und Stadtbibliothek. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die Tatsache, dass Schrift und Bildung immer mehr in private Bereiche Eingang fanden, was den Ruf nach lokalen Bildungseinheiten immer drängender werden ließ. Dazu kam der Ablösungsprozess von der kirchlichen Dominanz mit der damit verbundenen vielfachen Ablösung der alten Kloster- und Domschulen durch Gemeindeschulen. Zahlreiche protestantische Universitätsgründungen wie u. a. die zu Jena, und Königsberg ergänzten die Bemühungen um größere Breitenwirkung der Bildung. Interessant ist, dass sich an diesen Universitäten in Ansätzen das erste Mal die Idee der zentralen Universitätsbibliothek zeigte.
BAROCK UND AUFKLÄRUNG
Nach dem Dreißigjährigen Krieg, der wie überall auch für den Bereich der Bibliotheken massive Rückschläge mit sich brachte, kam es zu einem Erstarken der Fürstenhöfe, die eine Zentralisierung ihrer Verwaltung forcierten. Gleichzeitig bedeutete das eine Einschränkung der Autonomie der Städte. Die Fürsten waren in der Folge bestrebt, ihre Macht durch einen Ausbau ihrer Residenz repräsentativ zur Schau zu stellen. Dabei kam u. a. den von den Fürsten "gesammelten" Bibliotheken eine zentrale Bedeutung zu. Die Betonung lag dabei auf dem Aspekt der Sammlung, nicht auf dem des literarischen Interesses. Es ging in erster Linie um die zur Schau stellbare Präsenz von Büchern, deren Sammler v. a. auf Äußerlichkeiten wie bestimmte Formate, ansprechende Einbände etc. bedacht ist. Die von solcher "Bibliomanie" - ein Begriff, den die Zeitgenossen prägten - erfassten Sammler trachteten nach Besitz von immer mehr Büchern. Und da an den Fürstenhöfen, wo sich dieser Typus hauptsächlich entfaltete, meist auch das nötige Kapital vorhanden war, entstanden repräsentative Hofbibliotheken. Als Beispiele dafür mögen die Residenzen Wien und München stehen. Die Bestände der hier entstandenen "Bibliothekensammlungen" beliefen sich bereits zwischen 9000 und 10000 Bänden. Dass dabei dem Benutzungsaspekt, sprich der Lektüre dieser zum Sammelobjekt gewordenen Bücher, wenig bis gar keine Bedeutung zu kam, lässt sich aus der Tatsache ersehen, dass das Ausleihen der Bücher für gewöhnlich an die Erlaubnis des Fürsten gebunden war. Der Zweck solcher Bibliotheken lag neben der Repräsentanz der fürstlichen Macht in der Dienstbarmachung derselben für den Staat, v. a. seine immer wichtiger werdende Verwaltung, keinesfalls aber in einer Weiterentwicklung der Wissenschaft. Diese wurde vielmehr als ein Kanon bisher erlangter allgemein gültiger Erkenntnisse angesehen, die es aufzubewahren galt. Der Träger dieser Erkenntnisse - der Bücher - bediente man sich nur, wenn etwas davon in Vergessenheit geraten war oder zu geraten drohte. Der positivste Aspekt dieser Art von Bibliotheken lag darin, dass das konsequente Sammeln bis zum Ende des 18. Jhs zu bisher ungeahnten Bestandsausweitungen v. a. der großen Hofbibliotheken führte. Im Sog der Fürstenbibliotheken breitete sich die Idee der Bibliotheken auch in Adel und Bürgertum aus, allerdings in mehr oder minder derselben kuriosen Art, die die reine Sammeltätigkeit von Büchern als einer Art Prestigeobjekte in den Vordergrund stellte.
Die Aufklärung begünstigte dann langsam wieder die Loslösung der Bibliotheken von der Idee der Sammlung. Eine Vorreiterrolle übernahm dabei die Bibliothek der Universität Göttingen. Mit dem Abgehen von dem Modell der mittelalterlichen Vorleseuniversität, widmete man sich ab nun vorwiegend der Forschung. Davon profitierte die Bibliothek insofern, als erstmals in der Bibliotheksgeschichte in Göttingen von staatlicher Seite ein jährlicher Etat zur Anschaffung neuer Bücher zur Verfügung gestellt wurde. Die Bücherauswahl geschah dabei nicht mehr nach dem Kriterium des Sammelwertes, sondern diente in erster Linie der Beschaffung wichtiger Neuerscheinungen, die von den Wissenschaftlern für ihre Forschungen benötigt wurden. Gleichzeitig war der Staat aber auch an der Heranbildung von Beamten für die Abdeckung der steigenden notwendigen Verwaltungsvorgänge interessiert. Auch zu diesem Zwecke wandte er seine Aufmerksamkeit nun den ehemals nichtstaatlichen, privaten und kirchlichen Bildungsinstitutionen zu.
Mit den Errungenschaften der Französischen Revolution, v. a. der Aufhebung der geburtsständischen Gliederung der Gesellschaft und mit der im 18. Jahrhundert einsetzenden Säkularisierung wurden wiederum weitreichende Entwicklungen im Bibliothekswesen eingeleitet.
Zum einen vollzog sich nun die endgültige Trennung der für die Barockzeit so typischen Verbindung zwischen Bibliothek und Fürstenhaus.
Weiters begann nun - allerdings über einen langen Entwicklungsprozess hinweg - die Etablierung des deklarierten Berufsstandes des hauptberuflichen, vom Staat besoldeten Bibliothekars. Im späten 19. Jahrhundert war das Ziel im Wesentlichen erreicht. Der Bibliothekar war in den staatlichen Beamtenapparat integriert und war wie jeder andere Beamte einem strikten Voraussetzungskatalog unterworfen. Dieser verlangte eine abgeschlossene akademische Bildung und spezifische bibliothekarswissenschaftliche Kenntnisse. Der institutionalisierte Erwerb solcher Kenntnisse für die Bibliothekarsarbeit wurde erstmals in Göttingen ermöglicht, wo 1886 die Schaffung eines Lehrstuhles für "Bibliothekshilfswissenschaften" durchgesetzt wurde.
Nicht zuletzt wurde durch die Auflösung der geistlichen Territorien, im Zuge derer es, soweit das nicht schon in der Reformation geschehen war, zahlreiche Klöster aufgehoben wurden. Die Bestände der Klosterbibliotheken mussten nun in die der weltlichen Bibliotheken eingearbeitet werden. Durch dieses plötzliche massive Anwachsen der Bestände waren die Bibliotheken mit der herrschenden Bibliothekspraxis restlos überfordert. Dabei war das erste der Anfang. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam es durch die neuen technischen Möglichkeiten wie Schnellpresse oder Rotationsdruck zu einem weiteren, nicht mehr überschaubaren Ansteigen der Buchproduktion.
Das enorme Anwachsen der Bibliotheksbestände zu dieser Zeit leitete den Abschied von der Universalbibliothek ein. Immer deutlicher zeigte sich, dass das Ideal einer universalen, den ganzen Kosmos der Wissenschaft umfassenden systematisch aufgestellten Büchersammlung, den wissenschaftlichen Bedürfnissen der Zeit einfach nicht mehr entsprach. Das umso mehr, als durch statistische Untersuchungen nachgewiesen wurde, dass von den umfangreichen Beständen der Bibliotheken je nach Fach nur zwischen 15% und 34 % genutzt wurden. Angesichts der Entwicklung konnte es nicht mehr als sinnvoll angesehen werden, die andere "tote" Literatur immer neu nach dem gerade geltenden wissenschaftlichen System umzustellen. Die Folge von alldem war, dass die Bibliotheken in eine tiefe Krise schlitterten. Eine Anpassung der bibliothekarischen Praxis konnte mit der Rasanz der Entwicklung der Dinge nicht Schritt halten konnte, umso mehr, als man sich über das "Wie" der Anpassung nicht einigen konnte. So entbrannten heftige Diskussionen um Aufgabe oder Beibehaltung der bisher praktizierten systematischen Aufstellung der Bücher sowie um die Katalogisierung. Einig war man sich einzig darin, dass zu einem systematischen Katalog unbedingt ein Schlagwortregister zu erarbeiten sei.
Die immer stärkere Auffächerung der Wissenschaft in verschiedene Richtungen führte naturgemäß auch zu einer immer stärkeren Spezialisierung, denen die Universitätsbibliotheken dieser Zeit nicht gerecht werden konnten. Die Konsequenz war die Entstehung von Institutsbibliotheken, die ihren Bestand ausgehend von ursprünglichen Privatbibliotheken oder Handapparaten von Professoren durch den Ankauf spezifischer Fachliteratur sukzessive ausbauten. Die zentrale Universitätsbibliothek, nun für das Allgemeine zuständig, wurde dagegen zusehends unattraktiver. Die Abkehr von der "universitas litterarum" war nur allzu deutlich, ein Prozess, der mit der Gründung technischer Hochschulen mit eigenen fachspezifischen Bibliotheken seinen Abschluss fand.
Zu den Landes-, Universitäts- und Institutsbibliotheken gesellte sich im 19. Jahrhundert ein weiterer Bibliothekstyp, nämlich der der öffentlichen Bibliothek. Die Entstehung desselben hängt ursächlich mit einem seit dem 18. Jahrhundert bemerkbaren geänderten Bildungs- und Leseverhalten weiter Teile der Bevölkerung zusammen. Dieses Phänomen korrespondiert wiederum mit der Durchsetzung der Ideen der Aufklärung.
Der Staat beginnt, sich wegen seines Bedarfs an Verwaltungsfachleuten für die notwendigen Reformen um die Bildung seiner Untertanen zu kümmern. Zudem ist das davon betroffene Bürgertum als Träger der Wirtschaft an einer Ausweitung seiner Bildung selbst höchst interessiert und nicht zuletzt setzt sich auch der Glaube durch, dass höhere Bildung auf weitere Sicht auch höheren Wohlstand bedeuten würde.
Mit der öffentlichen Bibliothek korreliert von Anfang an die Idee der Volkspädagogik. Letztes Ziel war nicht die wertneutrale Bereitstellung von Literatur. Vielmehr wurde auf die Versorgung der Leser mit "guten" Büchern geachtet, deren Auswahl mit der jeweiligen Weltanschauung naturgemäß erhebliche Unterschiede zeigte.
Mit Mitte des 19. Jahrhunderts lässt sich ein beginnendes Interesse der verschiedenen konkurrierenden weltanschaulichen und politischen Richtungen an den Bibliotheken feststellen, das letztlich zu zwei einander gegenüberstehenden Gruppierungen führte. Auf der einen Seite die Arbeiterbewegung, auf der anderen Bürgertum, Kirche und Staat, Letztere, und hier v. a. das Bürgertum vertrat die Ansicht, dass dem "gemeinen Mann" das Lesen weder nützlich noch nötig sei. Man ging sogar soweit, für die Arbeiter das Lesen als einen anarchischen Akt zu postulieren. Umgekehrt wollte v. a. das konservative Bürgertum durch die Auswahl der "richtigen" Lektüre seine moralischen Wertvorstellungen gefestigt wissen.
Im Zuge dieser Entwicklungen kristallisierten sich zwei divergierende Positionen um die Funktion der Bibliotheken heraus. Jene, die die Ausrichtung der Bibliothek als Dienstleistungsunternehmen bevorzugten, dessen Hauptziel die Erfüllung der Leserwünsche des Benutzers und jene, die die Orientierung der Bibliothek an einer "Bildungsidee" auf ihre Fahnen hefteten, wonach dem Bibliothekar die Funktion eines pädagogischen Lenkers der Leser zukam.
BIBLIOTHEKEN IM NATIONALSOZIALISMUS
Der Nationalsozialismus brachte nicht wie in so vielen anderen Bereichen einen abrupten Bruch im Bibliothekswesen. Konnten die Nazis doch unmittelbar an die bereits vorhandene Tendenz der Volksbildung anknüpfen. Dazu kam, dass die wissenschaftlichen Bibliotheken durch ihre Ausrichtung auf die Forschung von der Gleichschaltung der Bestände weitgehend verschont blieben.
Trotzdem ging das Dritte Reich freilich auch am Bibliothekswesen nicht vorbei. Die Eingriffe erfolgten auf drei Ebenen. Erstens gab es wie überall personelle Säuberungen, die vor allem jüdische Mitarbeiter betrafen. Weiters kam es zur Gleichschaltung der bibliothekarischen Organisationen, die den Rahmen für ein einheitliches Büchereisystem des gesamten Reiches abstecken sollte und schließlich muss in diesem Zusammenhang natürlich auch die Säuberung der Buchbestände (vgl. z. B. die Bücherverbrennung vom 10.5. 1933) genannt werden.
Paradox mutet es angesichts dieser Entwicklungen an, dass sich gerade im Zuge des Dritten Reiches die öffentlichen Bibliotheken immer mehr zu Dienstleistungsunternehmen entwickelten. Das lag darin begründet, dass sich die Bibliothekare immer mehr der Gefahr ausgesetzt sahen, wegen "falscher" Leserberatung denunziert zu werden.
Der Abriss der Geschichte des Bibliothekswesens wurde im Wesentlichen aus folgenden Werken zusammengestellt: