hr Beitrag "Bücherstrudel", der im Rahmen der Drehtüre entstanden ist, wurde ausgewählt und wird demnächst in einem Sammelband des Verlages veröffentlicht. Hier finden Sie die ersten Zeilen der Geschichte:
Es war ein normaler später Nachmittag, den ich wie gewöhnlich in der Bibliothek verbrachte. Meine Eltern besaßen die kleine Privatbibliothek Bookworm in unserer kleinen Stadt in der Nähe von Los Angeles. Ich saß in einem gemütlichen Lesesessel – natürlich mit meinem Lieblingsbuch Das Dschungelbuch in der Hand. Ich hatte es schon zig Mal gelesen. Seit ich klein bin, begeistert mich dieses Buch: Mogli, Balu, Baghira, wie sie mutig gegen Shir Khan kämpfen. Ich habe alle zwei Bände gelesen und mir selbst auch dazu überlegt, wie es im dritten Band weitergehen könnte. So saß ich stundenlang da und nichts Ungewöhnliches war in der Bibliothek zu hören oder zu sehen.
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Ich hatte mein Buch fertig gelesen, als ich etwas Schimmerndes auf einem der Regale neben mir bemerkte. Es zog mich in seinen Bann. Einen Bann, dem ich mich nicht widersetzen konnte. Es wirkte wie ein Magnet auf mich. Einem unentrinnbaren Magneten. Ich stand auf und suchte das Regal. Es war nur eine Reihe entfernt. Das Schimmern kam aus dem Buch Buchspringer. Ich nahm es aus dem Regal. Plötzlich spürte ich einen Wirbel. Mir wurde schwarz vor Augen.
Als ich meine Augen öffnete, sah ich eine andere Welt. Eine Land- schaft voller Bäume und Büsche. Ich blickte mich um. Anscheinend war ich auf einer Insel, denn ich erblickte weit und breit kein Land, um mich war nur Meer. In der Ferne sah ich ein paar Häuser. Sie wa- ren klein und heruntergekommen. Es gab keinen Menschen weit und breit.
Ich ging ein paar Schritte und ehe ich versah, schob sich der Boden unter meinen Füßen weg und ließ mich in einen Abgrund stürzen. Ich fand mich in einer tiefen Grube wieder. Es drang nur wenig Licht herunter. Ich entdeckte einen kleinen Gang. Er führe allem Anschein nach in eine Höhle. Meine Neugierde siegte wieder einmal über mei- ne Angst und ich erforschte den Gang. Er war lang, breit und düster. Nach einer gefühlten Ewigkeit erblickte ich vor mir eine Art Lichtung. 213 Vor mir leuchtete es in verschiedenen Blautönen – von Dunkelblau bis zum ganz hellen Hellblau. Mitten in dem Raum standen ein Tisch und ein Sessel.
Zu meiner Verwunderung hatte es sich ein etwas älterer Mann, so um die 70, bequem gemacht. Er starrte in eine Kugel, die Hellseher und Hellseherinnen benutzten, um die Zukunft ihrer Kunden vorher- zusehen. In der Kugel war ein Mädchen abgebildet. Es war um die 17 Jahre alt und befand sich allem Anschein nach in einem alten, herun- tergekommenen Bauernhaus, das modrig roch. Der ältere Herr starr- te immer weiter auf die Kugel. Jetzt waren eine Landschaft zu sehen, blauer Himmel und eine saftig grüne Blumenwiese.
Ich horchte auf, war da nicht ein leises Tappen? Oder hatte ich mich verhört? Ich hörte noch, wie sich mir jemand näherte, dann ver- schwamm alles vor meinen Augen: der alte Mann, die Kugel, das Mäd- chen, einfach alles.
Keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen ist, seitdem ich auf dieser Insel bin. Jedenfalls habe ich bis heute keinen Rückweg in meine Welt gefunden.
Sofia Missaoua: Geboren wurde ich am 31.07.2012 in Wien. Nach der Volksschule in Pressbaum besuche ich jetzt das BG/BRG Purkersdorf und gehe in die 3. Klasse. Durch die Teilnahme am Begabtenförderungspro- gramm „Drehtüre“ bin ich auf diesen Schreibwettbewerb gestoßen.