Curie und Oppenheimer: Ein Dialog
Staubkörner tanzten im goldenen Schein des Lichts. Sie bogen und wanden sich in Harmonie, bis sie schließlich mit grazilen Bewegungen zu Boden fielen. Eine dichte Schicht hatte sich auf Büchern, Möbeln und dem eher rudimentären Tisch angesammelt. Ein Geruch lag in der Luft, nicht genau definierbar, aber doch so vertraut. Alles wirkte wie eine Erinnerung, stillstehend. Ein dumpfer Glockenschlag durchhallte den maroden Raum, doch dann wieder Stille. Eine Gestalt hatte sich auf einem gewebten Stuhl niedergelassen. Ihr Blick war stier, verloren, verzweifelt. Das greise Haar zu einem Dutt gebunden und der hagere Körper in ein Korsett gezwungen, saß sie steif dar. Ihre Augen waren auf eine gebrechliche Tür gerichtet, auf der sie den filigranen Windungen folgten.
Ein metallisches Knarzen.
Der Türknauf bewegte sich, und die Tür schwang auf. Es klang, als ob sie dies seit Jahren nicht mehr getan hatte. Zuerst konnte man nur schemenhafte Umrisse erkennen. Doch als die Person ins Licht trat, konnte man jede Falte, jedes Haar, jede Pore sehen. Ein bereits graues Haar, ein markantes Gesicht und eine eisblaue Iris waren wohl Merkmale, an denen die meisten Menschen ihn erkannt hätten.
„Nun,“ sagte er schließlich und ließ den Blick durch den staubigen Raum wandern, „die Zeit ist freundlich zu dir gewesen, Marie. Sie hat dich vergessen.“ Ein schwaches Lächeln zuckte über ihr Gesicht, ohne ihre Augen zu erreichen.
„Vergessen ist ein Luxus“, erwiderte sie leise. „Man trägt die Folgen trotzdem weiter. Setz dich, Robert. Du klingst müde.“ Er folgte der Aufforderung nur zögernd und nahm auf dem wackligen Tischrand Platz. Das Holz ächzte unter seinem Gewicht. „Müde“ wiederholte er nachdenklich. „Ja. Aber mehr noch… beschwert. Wissen ist schwerer, als wir damals dachten.“
Marie löste langsam den Blick von der Tür und richtete ihn auf ihn.
„Wir wollten verstehen“, sagte sie. „Das Innere der Materie. Die Gesetze, die alles zusammenhalten. Ich dachte, Erkenntnis sei etwas Reines.“ „Das dachte ich auch“, antwortete Oppenheimer. Seine Stimme war ruhig, doch in ihr lag etwas Zerbrochenes. „Bis aus Formeln Feuer wurde. Bis aus Theorie eine Sonne auf Erden entstand.“
Stille breitete sich aus, nur der Staub bewegte sich weiter im Licht.
„Radium“, flüsterte Marie. „Ich hielt es in meinen Händen. Ohne Furcht. Ohne Schutz. Ich wusste nicht, dass es mich langsam töten würde. Aber ich hätte nie gedacht, dass es andere schneller töten könnte.“
Oppenheimer senkte den Kopf.
„Ich wusste es“, sagte er. „Oder zumindest hätte ich es wissen müssen. Und trotzdem habe ich weitergerechnet.“
Marie erhob sich mühsam, trat näher an ihn heran. „Schuld“, sagte sie ruhig, „ist kein Ende. Sie ist nur ein Zustand. Die Frage ist, was wir mit ihr tun.“
Er sah zu ihr auf, die eisblauen Augen suchend.
„Und was hast du getan?“
Sie sah an ihm vorbei, durch ihn hindurch, als blicke sie auf etwas Vergangenes. „Ich habe gelehrt. Ich habe geteilt. Und ich habe gehofft, dass Wissen eines Tages vorsichtiger behandelt wird als Macht.“
Ein weiterer dumpfer Glockenschlag hallte durch den Raum.
Oppenheimer stand auf.
„Vielleicht“, sagte er leise, „ist das der einzige Trost, der uns bleibt.“